Schweden im Schnelldurchgang, Teil 2 – Von Gripsholm bis Warnemünde
Hier geht es weiter mit unserer Schwedenreise. Wer den Anfang verpaßt hat: In Teil 1 geht es von Grünstadt über Dänemark, zwei Webereien und den Skagern bis nach Stockholm.

Tag 9 – Stockholm – Mariefred
Abfahrt 08:00 Uhr, vorher noch zur Tömning und Frischwasser tanken. Wer mit dem WoMo nach Schweden fährt, lernt dieses Wort schnell. (Wie ist eigentlich der Plural? Tömnings, Tömningen? Tömningar, sagt der Schwede.) Ankunft in Mariefred 09:15 Uhr.
Auf dem Campingplatz ist noch nichts frei, also Frühstück und Schloß Gripsholm. Das darf man nicht verpassen; wer Tucholsky gelesen hat, weiß warum.

Die rote Backsteinburg mit ihren dicken Rundtürmen spiegelt sich im Mälaren, und man sieht ihr an, daß sie zuerst Festung war und erst später Schloß. Den Namen hat sie von Bo Jonsson Grip, dem mächtigen Reichsdrost, der hier im 14. Jahrhundert eine erste Burg bauen ließ. Mariefred wiederum verdankt seinen Namen dem Kartäuserkloster „Pax Mariae“, dem „Frieden Mariens“.
Mit dem Frieden war es vorbei, als Gustav Wasa kam. Der Gründer des modernen Schweden führte die Reformation ein, zog die Klöster ein und ließ ab 1537 auf den Resten der alten Burg sein Schloß bauen; Baumeister war Henrik von Köllen, und die Steine des Klosters kamen gleich mit in die Mauern. Praktisch gedacht. Bis etwa 1545 entstand eine Wasaburg, Residenz und Bollwerk zugleich. Familienfrieden gab es übrigens auch nicht: Gustavs Sohn Erik XIV. ließ hier seinen Bruder Johan samt Ehefrau Katharina Jagiellonica gefangen setzen, und deren Sohn Sigismund, später König von Schweden und Polen, kam in dieser Gefangenschaft auf Gripsholm zur Welt. Geschwister eben. Kurzer Exkurs, sorry.


Unser eigentliches Highlight sind die Porträts. Gripsholm beherbergt die Staatliche Porträtsammlung, das älteste nationale Porträtmuseum der Welt. Gegründet 1822 von Karl XIV. Johan, aber mit Wurzeln in Gustav Wasas eigener Kunstsammlung; heute sind es mehr als 5.300 Bildnisse. Die Wände hängen vom Boden bis zur Decke voll, und längst nicht nur mit Schweden. Überlebensgroß hängt Katharina die Große neben Maria Theresia; zwei Kaiserinnen auf Augenhöhe, die sich vermutlich nicht viel zu sagen gehabt hätten. Jede Menge Brandenburger und Mecklenburger Fürsten, und auch die Leininger kommen nicht zu kurz. Für uns aus Grünstadt, der alten Leininger Residenzstadt, ein kleines Stück Heimat mitten in Schweden. Und dann Friedrich der Große, als Kind, als junger Mann, als Feldherr und als alter König. Man kann ihm beim Älterwerden zusehen, und so richtig glücklich sieht er auf keinem der Bilder aus.






Es sind aber viel zu viele Bilder, als daß man sie alle erfassen könnte. Dazu bräuchte man Tage. Die Sammlung wird übrigens bis heute fortgeführt; jedes Jahr kommen Porträts bekannter Schwedinnen und Schweden dazu.


Danach bekommen wir doch noch einen wunderbaren Platz. Der Rest des Tages ist schnell erzählt: Zzz, chillen. Nachts regnet es offensichtlich, aber wir merken nichts davon. Am nächsten Morgen ist es ziemlich frisch und sehr windig. Dusche, Frühstück, Abfahrt; leider.



Tag 10 – Mariefred – Vingåker – Motala – Omberg
Von Mariefred fahren wir nach Vingåker in ein Outlet. Na ja; immerhin ersteht Claudia eine coole Daunenjacke von Sail Racing nebst diversen Socken. Socken sind auf dieser Reise ein wiederkehrendes Thema, ist mir aufgefallen.
Weiter geht’s. Leider weiß Google Maps nicht, daß wir mit einem WoMo unterwegs sind, und rechnet uns brav den kürzesten Weg nach Motala aus. Was soll schon passieren? „I have a bad feeling about this“, hätte Han Solo gesagt. Oh, was hatten wir keine Ahnung. Der führt über kleine Nebenstraßen, auf rund 35 km davon Schotter. Gefühlt waren es mehr, denn diese Sträßchen sind absolut schmal, und bei 7,40 m zählt man jeden Meter. Zum Glück ist Sonntag, und uns begegnet kein einziger Holzlaster. Wer in Schweden schon mal einem Holzlaster auf einer Schotterstraße begegnet ist, weiß, warum ich das erwähne.
Irgendwann sind wir in Vadstena; Schloß und Kloster der Heiligen Birgitta, gegründet im 14. Jahrhundert und 1594 durch die Reformation aufgelassen. Danach essen wir ein super gutes Eis von Kungsglass bei Sia. Riesige Portionen, die sich vor Italien nicht verstecken müssen; und ich weiß, wovon ich rede, wir haben einen italienischen Schwiegersohn.




Dann geht es zum geplanten Stellplatz am Omberg, direkt auf dem hohen Felsufer des Vättern. Angeblich für 5 WoMos. Als wir ankommen, stehen dort viele Autos nebst Menschen. Kaum ist die eine Gruppe mit 3 Autos weg, kommen die nächsten und bauen erstmal 2 Zelte auf.
Fazit auf einer Skala von 0 – 10: eine −1. Absolut nicht empfehlenswert, keine Toilette, Mülltonnen überquellend. Hoffentlich haben wir eine ruhige Nacht; wir werden sicherlich früh aufbrechen.


Und die Pointe? Bei der Abfahrt am nächsten Morgen sehen wir ca. 5 km vorher einen großen Stellplatz mit Rasen direkt an der Straße. Ich ärgere mich sehr, daß ich nicht dorthin gefahren bin. Claudia sagt nichts. Das reicht auch.
Tag 11 – Omberg – Vimmerby – Kalmar
Wie schon gesagt, verschwinden wir ganz früh, als Erste. Bei den meisten hat sich noch nichts geregt. Ein älteres Ehepaar hat tatsächlich im Auto übernachtet, deutlich älter als wir; das will was heißen. Die beiden kamen ganz spät und haben die jungen Schweden mit ihrem T3-Bus knallhart zugeparkt. Schon spannend, was es alles gibt.
Kaum sind wir unterwegs, flattert ein Vogel vor uns über den Weg und will diesen partout nicht verlassen. Links ist Wald, rechts ist Wald, aber nein, es muß der Weg sein, und zwar genau vor unserer Stoßstange. Der geduldige Einsatz von Claudia führt nach einigen hundert Metern immerhin dazu, daß er im Wald verschwindet. Wir lachen Tränen. Schweden hat eben auch seine Verkehrshindernisse; nur keine Rinder wie in Arizona.
Nach der Erfahrung mit den Straßen von gestern fahren wir einen Umweg von ca. 30 km, um auf befahrbaren Straßen zu bleiben. Schneller ist es obendrein. Man lernt ja dazu.
Zuerst geht’s nach Vimmerby zu Astrid Lindgren. Eintritt pro Erwachsenem 565 SEK. Da wir keine Enkelkinder dabei haben, sind wir raus; außerdem wäre das Programm für mehr als einen Tag. Pippi muß ohne uns auskommen. Na ja, fast: Die Pippi-Puppe für das Enkelkind findet sich passenderweise im Buchladen. Wo auch sonst.
Weiter Richtung Kalmar; fühlt sich endlos an. Ein kurzer Blick aufs Schloß. Eintritt? Nein danke, außerdem ist es schon zu spät.

Wir stehen an der Brücke nach Öland. Laut, aber asphaltiert; okay lt. Claudia. Außerdem hat keiner mehr Lust zu fahren. Das ist das eigentliche Argument. Und mal ehrlich, wer hat schon einmal unter einer Brücke geschlafen …… freiwillig?



Tag 12 – Glasreich – Tjurkö
Heute schlafen wir lange, trotz der Autos auf der Brücke. Nach dem Regen gestern Abend scheint die Sonne durch die Wolken. Grauwasser-Tömning, Frischwasser zapfen, wir haben beide geduscht; das Leben ist schön.
Auf geht’s ins Glasreich, Glasriket.
1. Stop: Orrefors. Nett, aber wir finden nichts Schönes. Oder wir sind zu anspruchsvoll; such dir was aus.


2. Stop: Målerås. Die Glashütte von Mats Jonasson, und für uns die eindrucksvollste im ganzen Glasreich. Glasbläserei und Eisengießerei unter einem Dach; was hat Eisen in einer Glashütte zu suchen? Ganz einfach: In der eigenen Gießerei entstehen die Formen, in die das Glas gegossen und geblasen wird, und so manches Kunstwerk verbindet am Ende beides, schweres Eisen und klares Kristall. Daß es das alles hier überhaupt noch gibt, ist übrigens den Glasbläsern selbst zu verdanken. Als Kosta Boda die Hütte 1981 schließen wollte, haben Mats Jonasson und seine Kollegen sie kurzerhand gekauft. Bis heute wird alles in Målerås gemacht, vom Glas bis zur Form. Claudia findet einen sehr schönen blauen Teelichthalter; den letzten. Manchmal muß man einfach Glück haben.



3. Stop: Kosta Boda. Hier hat sich viel verändert; absoluter Kommerz. Nicht nur Glas wie vor 20 Jahren, nein, eine richtige Mall mit allen Dingen. Wir kaufen Handschuhe von Hestra aus Östersund. Ja, Glas gibt’s dann auch noch.



Dann reicht es, und wir fahren Richtung Karlskrona zum Campingplatz Tjurkö, an einer geschützten Ostseebucht. Riesige Parzellen, einige Dauercamper. Hier kann man es aushalten. Leider müssen wir morgen weiter.
Tag 13 – Tjurkö – Ales Stenar – Ystad – Rostock
Wir stehen zwar früh auf, haben aber viel Zeit. Gestern hatten wir Brötchen bestellt, die ich morgens abhole. Könnten wir doch bleiben.
Wir fahren die südliche Küste entlang zu Ales Stenar nach Kåseberga. Für alle, die es nicht kennen: Ales Stenar ist eine Schiffssetzung, 59 große Steine, die hoch oben auf der Steilküste zu einem rund 67 m langen Schiffsumriß aufgestellt sind. Errichtet wurde sie vermutlich um 600 n. Chr., also vor rund 1.400 Jahren. Wozu, darüber streiten sich die Gelehrten bis heute: Grabmonument für einen Häuptling, Kultplatz oder Sonnenkalender, denn die Steine am Bug und am Heck zeigen ziemlich genau auf Sonnenauf- und -untergang zur Sommer- und Wintersonnenwende. Die Steine schweigen dazu; die Touristen dagegen nicht. Oh Gott, was für ein Mist; Menschenmassen. Das war vor mehr als 30 Jahren ein Geheimtipp. Grauenhaft. Aber wir essen jeder eine riesige Portion Eis, für insgesamt 10 €. Man muß das Positive sehen.

Bei Ystad stehen wir dann, zugegebenermaßen illegal, auf einem Waldparkplatz, 20 m vom Strand. 1,5 h, bis wir weiterfahren. Die letzte Ruhe vor dem Sturm.
Kurz nach 18:00 Uhr haben wir getankt und warten in Trelleborg an der Fähre, der Peter Pan nach Rostock. Der Abend im Hafen entschädigt für Ales Stenar: erst goldenes Licht über dem Terminal, später die blaue Stunde über den Anlegern. Mir graut vor der deutschen Autobahn morgen. Zu Recht.




Vorher gibt es aber noch einen Moment, für den sich das frühe Aufstehen lohnt. Um 05:00 Uhr stehen wir auf dem Oberdeck der Peter Pan und genießen die Einfahrt nach Warnemünde. Der Ort hat für uns seit 1984 eine tiefe Bedeutung, aber das ist eine andere Geschichte. Für Claudia ist es das erste Mal, daß sie Warnemünde vom Wasser aus sieht; der DDR und ihren Grenzen sei tief gedankt, und Grüße an ihre eifrigen Nachfolger in Berlin. Leuchtturm, Teepott, die Mole, und dahinter wartet Deutschland. Und die Autobahn.



Und das Fazit?
Mehr als 4.500 km, 13 Tage, ein Land im Schnelldurchgang. Claudia hat Schweden kennengelernt, und ich habe eine ganze Reihe alter Bekannter wiedergesehen. Weite Landschaften, stille Seen, freundliche Menschen; die norwegische Ausnahme bestätigt die Regel. Und einen See, auf den ich 36 Jahre gewartet habe.
Wir haben aber auch gelernt, daß der Juli nicht die beste Reisezeit ist. Volle Plätze, Menschenmassen an den bekannten Orten und so mancher Geheimtipp, der längst keiner mehr ist.
Beim nächsten Mal fahren wir im September. Weniger Touris, nichts überlaufen und hoffentlich eine schöne Laubfärbung bei stabilem Wetter. Hej då, Sverige; wir kommen wieder.
Und die Clesana? Claudias YouTube-Studium hat sich gelohnt. Wer es genau wissen will: YouTube hilft, gefühlte 2 Stunden lang.
Welche Kameras haben wir für die Bilder benutzt? Leica Q (Typ 116), Claudias „Baby“, und die Leica M10. Keine Drohne, kein Tele, und vermißt haben wir beides nicht.
Kurz und knapp: Unsere Tipps
- Sehr empfehlenswert: Ornäs Camping in Åmål direkt am Vänern, Campingplatz Tjurkö bei Karlskrona, Schloß Gripsholm in Mariefred, die Glashütte von Mats Jonasson in Målerås mit Glasbläserei und Eisengießerei (für uns die eindrucksvollste), die Saluhallen am Östermalmstorg in Stockholm
- Bei Regen: Sigtuna; dann hat man die Stadt fast für sich allein
- Finger weg: der Stellplatz auf dem Felsufer am Omberg. Lieber den Rasenplatz ca. 5 km vorher nehmen.
- Achtung, Navi: Google Maps kennt keine Wohnmobile. Lieber einen kleinen Umweg über die Hauptstraßen fahren als auf schmalen Schotterwegen zu landen.
- Stockholm mit dem WoMo: Bredäng Camping und mit der T-Bana in die Stadt. Die Gruppenkarte für 360 kr / 24 h lohnt sich.
- Unser Fahrzeug: Sunlight, 7,40 m, auf Citroën-Basis, zwei Längsbetten, Clesana-Toilette. Viel Platz und komfortabel; auf engen Nebenstraßen braucht man Geduld.