Schweden im Schnelldurchgang, Teil 1 – Mit dem Wohnmobil bis Stockholm
„Not all those who wander are lost.“
J. R. R. Tolkien
Im Juli 2026 stand, was sonst, mal wieder eine Reise auf dem Programm; diesmal nicht über den Atlantik, sondern über die Ostsee. Der Grund war schnell gefunden: Claudia war noch nie in Schweden. Ich schon einige Male, das erste Mal vor über 36 Jahren, und ich hatte eine lange Liste mit Orten, die ich ihr unbedingt zeigen wollte. Herausgekommen ist Schweden im Schnelldurchgang: mehr als 4.500 km in 13 Tagen, ein Stockholm-Marathon, ein Glasreich und ein Stellplatz, der auf einer Skala von 0 – 10 eine glatte −1 bekommt. Aber der Reihe nach.

Unser rollendes Zuhause
Unterwegs waren wir mit einem Sunlight auf Citroën-Basis, 7,40 m lang. Zwei Längsbetten, jede Menge Platz und eine Clesana-Toilette. Wer die nicht kennt: Sie schweißt alles ordentlich in Folie ein, und das Kassettenleeren entfällt. Wer jemals morgens um 07:00 Uhr mit einer vollen Kassette über einen Campingplatz gelaufen ist, weiß das zu schätzen. Die 7,40 m haben allerdings auch eine Kehrseite; dazu später mehr. In dunklen Gassen schüchtert so ein Teil jeden ein, auf schmalen Schotterwegen vor allem den Fahrer.

Tag 1 – Grünstadt – Blåvand
Am 17. Juli holen wir unser Wohnmobil ab, laut Papieren „WoMo 10“. Um 14:40 Uhr geht es in Grünstadt los. Der erste Reisetag hat bekanntlich nur ein Ziel: Kilometer machen.
Erster Stopp Northeim Nord, Kaffee und Stückchen; ohne geht es nicht. Am Rastplatz Holmmoor Ost wollten wir eigentlich länger pausieren, aber das Publikum dort ist, sagen wir mal, komisch. Ein kurzer Blick, ein Nicken, wir fahren weiter.
Danach schaut Claudia auf dem Beifahrersitz gefühlte 2 Stunden YouTube-Videos über die Clesana. Oder anders gesagt: Wie kacke und pinkle ich richtig in einen Beutel? Schon ein bißchen schräg, aber man will ja vorbereitet sein. Ich konzentriere mich auf die Straße und höre mit.
In Jagel an der Shell wird vollgetankt. 80 l zu 2,13⁹ €. Wow. Ich habe kurz überlegt, ob man Diesel auch in Raten zahlen kann.
Zwischen Aabenraa und Rødekro verlassen wir die Autobahn und fahren quer rüber über Ribe nach Blåvand. Die Strecke kennen wir im Schlaf, was um diese Uhrzeit auch durchaus hilfreich ist; neunmal waren wir schon in Blåvand (wer mehr wissen will: Blåvand an der dänischen Nordsee). Von Ribe, der ältesten Stadt Dänemarks, sehen wir diesmal nur ein paar Straßenlaternen.
Um 01:30 Uhr parken wir am Leuchtturm. Erlaubt ist das Übernachten dort nicht; nach neun Besuchen wissen wir allerdings, daß man eine Nacht stehen kann, ohne daß jemand klopft. Motor aus. So, Licht aus.

Tag 2 – Blåvand – Korsør
Gegen 07:00 Uhr werden wir wach, und vor dem Fenster steht Blåvandshuk Fyr. Es gibt schlechtere Aussichten für den ersten Kaffee. Danach kurz einkaufen im Meny und beim Bageri vorbei. Kurz hinter Blåvand halten wir im Wald und frühstücken; frische dänische Brötchen, der zweite Kaffee des Tages und kein Mensch weit und breit. Wunderbar. Erst dann geht es auf die Autobahn Richtung Kolding.
Leider sind wir nicht allein. Es ist Samstag, und Samstag ist in Dänemark Bettenwechsel. Gefühlt fährt halb Deutschland gerade in seine Ferienhäuser hinein, und die andere Hälfte aus ihnen heraus.
Dann die Storebælt-Brücke; egal wie oft man darüber fährt, sie beeindruckt jedes Mal. Weniger beeindruckend ist die Stunde, die wir davor wegen eines Unfalls im Stau stehen.
Der Stellplatz in Korsør liegt gleich hinter der Brücke und entschädigt für alles: ein wunderbarer Nachmittag mit Sonne, der Grill läuft, der Urlaub hat begonnen. Zum Abend dreht das Wetter. Regen und sehr windig aus West. Wir sitzen drinnen und hören zu, wie es aufs Dach trommelt. Auch schön, irgendwie.



Tag 3 – Korsør – Lerkil
Früher Start in Korsør. Die Autobahn Richtung Kopenhagen fühlt sich endlos an; Seeland ist größer, als man denkt. Und dann kommt die Øresundbrücke, und plötzlich sind wir in Schweden. Claudias erster Kontakt mit dem Land; ich bin gespannt.

In Horred machen wir Halt bei Ekelund, einer der ältesten Webereien Schwedens. Die Familientradition reicht bis 1692 zurück, und seit 1878 ist man Hoflieferant des schwedischen Königshauses. Wer Leinen und Baumwolle mag, kommt hier nicht mit leeren Händen raus.


Danach noch ein Stopp in Kungsbacka in einem großen ICA. Direkt nebenan steht die größte Mall Schwedens. Wir hatten keinen Bedarf; das soll es geben.
Endstation ist der Stellplatz am Hafen von Lerkil. Wasser, Boote, Ruhe. Mehr braucht es nicht.

Tag 4 – Lerkil – Klässbol – Åmål
Wir sind die Ersten, die vom Platz losfahren. Ein bißchen Rumrangieren, und auf geht es Richtung Göteborg. Erstaunlicherweise ist kaum Verkehr. Wo sind die alle?
Dann sind wir endlich auf der E45, dem Inlandsvägen. Vor 20 Jahren bin ich hier schon einmal gefahren, und es sieht anders aus als damals. Ob sich die Landschaft verändert hat oder meine Erinnerung, lasse ich mal offen.
Ziel ist die Leinenweberei in Klässbol. Im Vergleich zu Ekelund ist sie fast ein Jungspund: 1920 hat Hjalmar Johansson hier in seiner Küche die ersten Leinenstücke von Hand gewebt. Die Fahrt dorthin fühlt sich endlos an. Eigentlich wollten wir noch weiter bis zum Venjan, aber das wird uns definitiv zu weit. Also ein Stück zurück zum Ornäs Camping in Åmål.




Und was für ein Glücksgriff: direkt am Vänern, wunderschön und sehr zu empfehlen. Sonnenschein, Spieße auf dem Grill. Unsere Kabeltrommel brauchen wir gar nicht, also verleihen wir sie an den freundlichen schwedischen Nachbarn, der sein langes Kabel vergessen hat. Deutsch-schwedische Freundschaft, 25 m lang.

Tag 5 – Åmål – Karlstad – Skagern
Von Ornäs geht es Richtung Karlstad. Sonnenschein, Stadtbummel, und bei Åhléns kaufen wir Sonnencreme. Ja, in Schweden. Ja, im Juli 2026 haben wir sie tatsächlich gebraucht.


Weiter zum Unden-See und zum Tiveden Camping. Dort wird uns beschieden, daß der Platz ausgebucht sei. Wer’s glaubt …
Aber vorher sind wir an einem Wegweiser vorbeigefahren, und auf dem stand „Skagern“. Da klingelt was bei mir. Die freundliche Dame an der Rezeption erläutert uns Alternativen auf anderen Plätzen; ich kenne meinen schon und deute für Claudia auf die Karte.
1990 bin ich an einem einsamen Ufer des Skagern entlang gefahren und habe damals gedacht, daß das ein schöner Platz wäre. 36 Jahre später ist es soweit. Nachdem alle Tagesgäste weg sind, stellen wir das WoMo rückwärts auf einen Steinwall am See.

Für ein Lagerfeuer wird es später zu windig, kalt wird es sowieso. Aber wir schlafen in absoluter Einsamkeit; nur der See, der Wind und wir. Für mich der heimliche Höhepunkt der ganzen Reise. Manche Pläne brauchen eben etwas länger.


Tag 6 – Skagern – Eskilstuna – Sigtuna – Stockholm
Wie immer sind wir früh wach, Kaffee und los. Kurz vor der Abfahrt fängt es an, richtig doll zu regnen. Der Skagern verabschiedet sich standesgemäß.
Ziel ist Eskilstuna mit den Rademacher-Schmieden, einer Sammlung alter Handwerkshäuser aus dem 17. Jahrhundert. Beim Messerschmied kaufen wir zwei Messer. Brauchen wir die? Nein. Wollten wir sie? Ja. Fehler!!! Nee, natürlich nicht.




Weiter nach Sigtuna, Schwedens ältester Stadt, gegründet um 980 unter Erik Segersäll. Der Weg dorthin führt durch unwetterartigen Regen. Das hat allerdings einen Vorteil: Sigtuna ist wirklich schön und fast ohne Touris. Wetter hat eben auch seine guten Seiten.


Wetterbedingt entschließen wir uns zur Weiterfahrt nach Stockholm auf den Bredäng Camping. Schwierige Platzsuche, aber wir werden fündig. Der Norweger neben uns ist sauer, weil wir nach seiner Meinung zu dicht geparkt haben. Na ja; mehr Abstand wäre möglich gewesen. Wir werden trotzdem keine Freunde.
Irgendwann läßt der Regen nach, aber wir sitzen längst im WoMo. Temperatur laut Auto: 12°. Im Juli. Wir schlafen 9 Stunden. Am Stück.
Tag 7 – Stockholm zu Fuß
Wir wachen bei blauem Himmel auf. Die Profi-Installation von Markise, Abspannung und Matte hat gehalten; ich bin ein bißchen stolz. Leider stehen wir dicht an den Bäumen und haben wenig Sonne, aber der Akku vom WoMo ist okay.

Abmarsch zur T-Bana gegen 09:30 Uhr. Die Gruppenkarte kostet 360 kr für 24 h, und nach 9 Stationen sind wir in Slussen.
Gamla Stan mit seinen Touri-Fallen; man muß da durch. Die Tyska kyrkan kostet 60 kr Eintritt, und wir sind die ersten Besucher. Es ist wunderbar und beeindruckend, und vor allem ist es still.




Daß ausgerechnet hier eine Deutsche Kirche steht, ist kein Zufall. Deutsche Kaufleute, vor allem aus Lübeck und den anderen Hansestädten, waren von Anfang an dabei, als Stockholm im 13. Jahrhundert wuchs. Sie waren so einflußreich, daß das Stadtrecht von König Magnus Eriksson um 1350 sogar festschrieb, daß die Hälfte der Bürgermeister und Ratsherren Deutsche sein mußten. Erst 1471, im Jahr der Schlacht am Brunkeberg, war mit dieser Quote Schluß; gut 120 Jahre lang also ganz offiziell, faktisch saßen die Deutschen schon vorher mit am Tisch. Und den Handel haben sie noch Jahrhunderte länger geprägt. Die Deutschen blieben eben. Aus ihrer St.-Gertrud-Gilde wurde im 16. Jahrhundert eine eigene Gemeinde, die ihre Kirche im 17. Jahrhundert zu dem barocken Prachtbau ausbaute, den wir heute sehen. Der hohe Turm kam erst nach einem Brand im 19. Jahrhundert dazu. Und das Schönste: Die Gemeinde gibt es bis heute, gepredigt wird auf Deutsch. Die Gasse nebenan heißt übrigens Tyska Brinken, der Deutsche Hügel. Wir fühlen uns fast ein bißchen zu Hause.




Am Schloß weht die Fahne, also ist jemand daheim. Wir klingeln nicht.

Weiter nach Norden bis zur Kungsgatan. Mein Erinnerungsvermögen funktioniert tatsächlich noch; Claudia ist überrascht, ich auch. Im Outdoor-Laden gibt es Teva für Claudia, bei Sail Racing einen wasserdichten Rucksack.
Dann den Strandvägen entlang bis Djurgården zum Skansen. Schön, aber zu viele Menschen und Kinder; klar, die haben freien Eintritt. Auf dem Rückweg ein Aperol Spritz für 185 kr. Bekloppt, aber lecker; ich rechne es lieber nicht in Euro um. Die Sibyllegatan hinauf bis zum Östermalmstorg; die Saluhallen gibt es morgen.




Mit der T-Bana Nr. 13 zurück nach Bredäng. Bilanz: ca. 14 km Fußmarsch. Die Füße melden sich zu Wort.


Tag 8 – Stockholm, die Zweite
Heute ist nochmal Stockholm angesagt. T-Bana bis Slussen, und nochmal durch Gamla Stan; diesmal mit Souvenir-Pflichtprogramm: ein Magnet von Stockholm und zwei Schnapsgläser mit Dala-Pferden. Irgendwer muß die ja kaufen.


Am Reichstag läuft eine Militärübung mit Polizei-Heli, Black Hawk und Soldaten, die halb aus dem Heli raushängen. Sehr spektakulär. Wir stehen da wie die Kinder und vergessen fast das Fotografieren. Fast.

Nächster Besuch ist das berühmte NK in der Hamngatan, ein Luxuskaufhaus wie das KaDeWe. Wir schauen; mehr nicht. Weiter durch die Stadt zur Kungsgatan, wo es dann doch noch ernst wird: neue Tevas für mich, Socken und für Claudia einen wunderschönen Fjällräven-Rock nebst Radlern in zartem Hellblau.

Next Stop Stureplan mit der Sturegallerian, Läden der normalen Preisklasse; das beruhigt. Und dann Östermalmstorg mit den Saluhallen. Das muß man gesehen haben. Ich könnte jetzt beschreiben, wie die Fischtheken aussehen, aber die Fotos können das besser.






T-Bana zurück nach Bredäng. Ich bezahle abends noch, weil Check-out erst um 09:00 Uhr ist und wir da schon unterwegs sein wollen.
Wie es weitergeht, mit Schloß Gripsholm, einer Schotterpiste, einem Stellplatz mit glatter −1, dem Glasreich und der Einfahrt nach Warnemünde, steht in Teil 2.