Oberengadin im Januar 2022

Oberengadin

Vom Winter geträumt? Das Oberengadin im Januar hält, was es verspricht. Sonne, Schnee, Kälte und blitzsaubere Luft sind im Überfluss vorhanden.
Unser Zuhause für eine Woche wird eine Ferienwohnung in Sils-Maria.
Die Bilder des Beitrages sind ein Gemeinschaftswerk von Claudia (Leica Q) und mir (Leica M10, D850)

Oberengadin
Leica M10, 50mm Cron, 1/250 f/8, ISO 200

Die Einreise in die Schweiz erfordert das vorherige Ausfüllen eines Online-Formulares für Claudia und für Dirk, sowie einen Schnelltest oder PCR Test. Haben wir alles. Will es an der Grenze jemand sehen? Nein! Erst beim Abholen des Wohnungsschlüssels müssen wir alle Dokumente vorlegen.

Die Wohnung ist in der zweiten Etage mit Blick auf den Piz Corvatsch. Sie ist geschmackvoll und doch zweckmäßig eingerichtet. Augenscheinlich gehört sie Italienern. Das merkt man spätestens, wenn der Fernseher eingeschaltet wird. Menüführung und alle erreichbaren Programme sind italienisch. Umprogrammieren ist blockiert. Letztlich finden wir einen Weg, deutschsprachige Programme über die Mediathek zu erreichen. Aber das nur am Rande… Dafür gibt es einen großen Nudeltopf, der von Claudia am nächsten Tag getestet wird.
Das Auto steht glücklicherweise in einer Tiefgarage und friert nicht.

Leica Q, f/1.7, 1,3s, ISO 800

Das Oberengadin ist ein Hochtal im Kanton Graubünden. Die Talsohle liegt auf ca. 1800 m Meereshöhe. Der Inn entspringt am Ende des Tales im Südwesten. Dort ist einer der Pässe, der Maloja, über den man von Italien durch das Bergell hochfährt. In nordöstlicher Richtung folgen die Ortschaften Sils-Maria, Silvaplana, Surlej, Champfer, St. Moritz, bevor sich das Tal bei Celerina gabelt und es links ins Unterengadin geht, dem Inn folgend. Rechts führt der Weg über Pontresina zum Bernina-Pass und weiter nach Italien.

Im Gegensatz zu vielen anderen Alpentälern ist das Oberengadin ausladend offen und dadurch ausgiebig sonnig. Ein See reiht sich an den nächsten. Im Winter sind diese zugefroren und erlauben so manche Abkürzung beim Spazierengehen oder Wandern. Die Wege und Seen sind ein Eldorado für den Skilanglauf. Es gibt kaum Höhenunterschiede. Die 1800 m über NN reichen gleichermaßen, um außer Atem zu kommen.

Tag 1

Am Sonntagmorgen begann die blaue Stunde laut App um 07:10 Uhr. Glücklicherweise, oder schlaftechnisch leider, war ich pünktlich wach. Kaffee, warm Anziehen, M10 und Q greifen und unterwegs war ich. Mein Ziel, das Ufer des Silvaplaner Sees, hatte ich am Abend vorher ausgemacht. Kalt war der Morgen, richtig kalt, aber windstill. Im Osten leuchtete das Licht tiefblau, nach unten schon ins Orangene, in Richtung Westen sah man den magentafarbenen Ring der Gegendämmerung. Ich war fasziniert. Die fehlende Luftbewegung hatte es zugelassen, dass in der Senke zum See Bodennebel entstanden war. Dieser reichte ca. 2 m hoch und ließ an den Bäumen und Büschen einen Reifstreifen entstehen. Der Zufluss in den See war nicht eisbedeckt. Das ergab ein unwirkliches Motiv mit Spiegelungen.
Ich war fast zwei Stunden unterwegs, bevor ich mich losreißen konnte und zu Claudia in die kuschelige Wohnung zurück bin.

Leica M10,21mm Color Skopar, 1/25s, f/3.5, ISO 1000

Später am Sonntag sind Claudia und ich nach Morteratsch gefahren, um zum gleichnamigen Gletscher zu wandern. Leider wird dieser Weg zum Gletscher jedes Jahr länger. Bald wird das Eis unterhalb des Piz Bernina vollständig verschwunden sein.
Der Weg durch den schattigen Wald steigt ordentlich an. Danach öffnet sich das Tal und wir liefen unter strahlend blauem Himmel in der Sonne weiter.

Morteratsch
Leica M10, 21mm Color Skopar, 1/340s, ISO 200


Links und rechts an den Bergflanken erkennt man einen Rand, der die ehemalige, obere Ausdehnung des Eises markiert. Mittlerweile erobern die Bäume den Talgrund zurück. Richtung Gletschermaul werden sie kleiner und verschwinden dann völlig.

Morteratsch
Leica M10, 21mm, 1/420, ISO 200

Der zeitliche Ablauf des Rückgangs ist am Wegrand mit Säulen abgesteckt. Am Taleingang, gleich hinter dem Bahnhof Morteratsch steht eine solche mit der Jahreszahl 1860. Vor etwas mehr als 150 Jahren wäre die Wanderung nach 300 Metern zu Ende gewesen. Im Jahr 2022 läuft man ordentliche 3 km, bis das Gletschermaul in Sicht kommt. Ich bin Anfang der 90er auf Skiern von der Diavolezza über den Gletscher abgefahren. Seit dieser Zeit sind mindestens 700 weitere Meter an Länge verloren gegangen. Omnia mutantur

Die Wanderung war friedvoll und brachte uns Fotos einer unvergleichlichen Winterlandschaft.

Abends haben wir unsere Seerunde gemacht.

Leica Q, 1/500s, f/1.7, ISO 100
Leica M10, 50mm Cron, 1/60s, f/2, ISO 500
Tag 2

Morgens habe ich meinen Weg an den See gemacht und gänzlich andere Bilder im Vergleich zum Vortag machen können.

Leica Q, 1/15s, f/1.7, ISO 320


Der Rest des Tages verging mit Skifahren im Gebiet Furtschellas – Corvatsch. Die Pisten waren leer. Klar, der Anfang des Januars, außerhalb der Ferienzeit, ist nicht unbedingt Hochsaison, aber sooo leer? Die Tageskarte kostete mich 82,50 SFR.
Nach 4,5h hatte ich genug, allein, ohne Begleitung, über die Pisten zu fahren.

Leica M10, 21mm, f/11, 1/170s, ISO 200
Leica M10, 35mm Cron, 1/1000s, f/11, ISO 500, Pano aus 9 Bildern

Am Abend des 17.01.22 würde Vollmondaufgang sein, der sich mit einem „Heraufrollen“ des Mondes an der Flanke des Piz Surlej vollzog.

Nikon D850, 105mm, 1/125s, f/2.8, ISO 720
Tag 3

Konsequent begann der Tag mit der Morgenrunde. Heute war es windig, sodass Bilder mit den ansprechenden Reflexionen nicht möglich waren. Das Licht hatte sich im Vergleich zu den Vortagen ebenso verändert. Es wirkte intensiver. Vielleicht täusche ich mich auch.

Leica Q, 1/15s, f/2, ISO 100
Leica M10, 50mm Cron, 1/250, f/4, ISO 200

Segantini-Museum, St. Moritz:
Das 1908 erbaute Museum zeigt Bilder des Malers Giovanni Segantini (1880 – 1956). Sein Herzstück ist der Kuppelsaal, in dem 3 große Bilder im Rund aufgehängt sind und durch die bezaubernden Oberlichter geschickt beleuchtet werden. Diese 3 Bilder, das Alpentriptychon, sind das Hauptwerk des Malers. Sie zeigen Werden und Vergehen.
Auch hier waren wir allein, nach dem eine Gruppe von 3 Personen den Saal verlassen hatte. Der Eintritt kostet 15 SFR für Erwachsene. Aus unserer Sicht ist es das wert.

Bilder im Segantini-Museum


Das nächste Tagesziel war der Landgasthof Meierei. Im Januar läuft man dazu über den St. Moritzer See. Auf dem See waren die Aufbauarbeiten für das alljährliche Poloturnier und Pferderennen in vollem Gange. Was für ein riesenhafter Aufwand für ein Wochenende mit Pferden betrieben wird, ist unvorstellbar. Wir wollen das an dieser Stelle nicht weiter kommentieren.

Meierei, der Weg dorthin wird von der wunderschönen Kulisse der Berge begleitet. Im Januar sitzt man dort bis ca. 16:00 Uhr in der Sonne mit Blick nach Westen. Spätestens dann sollte man sich auf den Rückweg machen. Wenn die Sonne weg ist, wird es schneller kalt, als man gucken kann.



Auf dem Rückweg kommen wir noch einmal an den Zelten für das „White Turf“ Event vorbei und bewundern die Künste einiger Schlittschuhläufer.

Leica Q
Tag 4

Morgenrunde
Die Nacht war wieder kalt und wohl auch recht windstill. Leider finde ich diesmal keinen Bodennebel am See. Den hat es allem offenkundig schon verblasen. Die bereiften Büsche und Bäume bieten jedoch auch so wunderbare Motive.

Nikon D850, 20mm, 1/20s, f/5.6, ISO 800

Zum Abend ziehen wir gemeinsam los. Diesmal haben wir unseren Lensball im Gepäck. Nun ja, eigentlich ist das eine ganz profane Glaskugel, gleichwohl assoziiert dieses Wort Hellseherei. Fotografiert man durch die Glaskugel, ist das durchaus Hellseherei, gewiss beschränkt auf den Moment und ohne Aussage über die Zukunft.

Leica Q, 1/60s, f/2.8, ISO 100, Macro
Leica Q, 1/60s, f/11, ISO 400
Leica Q, 1/200, f/1.7, ISO 100
Leica Q, 1/8s, f/1.7, ISO 250

Später am Abend bin ich noch einmal zum See gelaufen. Heute würde der Mond, weiterhin fast voll, im Sattel zwischen Piz Surlej und Munt Arlas aufgehen. Das Schauspiel wollte ich mir fotografisch nicht entgehen lassen. Außerdem stand Orion Richtung Piz Corvatsch und würde im Licht des hinter den Bergen aufgehenden Mondes ein tolles Motiv abgeben. Dazu würde später der weiße Vordergrund durch den Mond herrlich beleuchtet sein.

Leica M10, 21mm, 12s, f/3.5, ISO 1600
Leica M10, 21mm, 32s, f/8, ISO 1600
Leica M10, 21mm, 12s, f/3.5, ISO 1600, Piz Corvatsch und Orion
Tag 5

Das Wetter ist schlechter geworden, sodass ich auf die Morgenrunde verzichte.
Nachmittags besuchen wir das Nietzsche-Haus in Sils.

Nietzsche Haus in Sils-Maria
Sils-Maria, Leica M10, 35mm Cron, 1/180s, f/5.6, ISO 200


Zum Abend klart es auf und ich ziehe wieder los, um noch mehr Astro-Bilder zu machen.
Ganz konsequent nehme ich nur die M10 und ein Stativ mit. Die Bilder entstehen mit dem 35mm Cron, dem 50mm Cron und dem Voigtländer 21mm Color Skopar f/3.5.
An dieser Stelle geht mein Dank an die Messsucherwelt, die mich zum Tausch vom 21mm, f/1.4 Nokton zum Color Skopar inspiriert hat. Klar, dabei verliert man 2,5 Stops, aber auch den größten Teil des Coma in den Bildecken. Aus Sicht der Astrofotografie ist es mir das wert. Ich bin froh, diesen Schritt gemacht zu haben. Belichtet habe ich 12 oder 16s bei ISO 800 – 1600. Die relativ niedrigen ISO-Zahlen waren durch das Mondlicht möglich.
Mit den „längeren“ Linsen sind ein paar Langzeitbelichtungen von Sils-Maria entstanden.

links Sils-maria, rechts Corvatsch und Orion mit Mondbeleuchtung von hinten
Tag 6

Heute geht es zum Abschluss wieder in die Meierei. Wir haben Glück, einen Platz in der Sonne zu bekommen, wird dort doch 45min später eine Hochzeitsgesellschaft erwartet.
Auf unserem Rückweg sehen wir die Pferdekutschen am Seeufer und ja, sie waren zu spät.
Das Wetter strahlt mit Sonnenschein und niedrigen Temperaturen, glücklicherweise zumindest fast Windstille. Wir sind traurig, dieses bezaubernde Tal morgen verlassen zu müssen.

Ich nutze ein letztes Mal den Abend, um mehr Astro-Bilder auf die Karte zu bannen. Diesmal leuchtet der Mond nicht in den Himmel. Ich will wissen, wie sich das Color Skopar 21 an der M10 bei Dunkelheit verhält. Die Ergebnisse finde ich mehr als ansprechend.

Leica M10, 21mm, 12s, f/3.5, ISO 3200
Leica M10, 21mm, 16s, f/3.5, ISO 3200
Leica M10, 21mm, 16s, f/3.5, ISO 3200
Fazit:

Die Woche im Oberengadin hat uns sowas von gut getan.
Fototechnisch sind dabei die Leica Q (Typ116), die Leica M10 und die Nikon F4 & D850 zum Einsatz gekommen. Die Bilder der F4 werde ich später in diesen Beitrag einfügen. Der Silbersalz 50D ist noch nicht entwickelt.

Bilder: Leica Q by Claudia, Leica M10 und D850 by Dirk

1 thought on “Oberengadin im Januar 2022

  1. Sandra says:

    Vielen Dank für das Mitnehmen in euren Winterurlaub, dank deiner Beschreibung konnte ich fast mit euch Urlaub machen. 😉 Danke für die wunderschönen Aufnahmen. ✨

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