Der Luitpoldturm auf dem Weissenberg. Eine Haßliebe

Panorama vom Luitpoldturm

Der Luitpoldturm im Pfälzer Wald ist ein Fotospot für Landschaftsfotografie. Er steht seit 1909 nahe Merzalben und Hermersberger Hof auf dem 610m hohen Weissenberg. 164 Stufen führen auf die Aussichtsplattform, nach denen garantiert jeder schnauft, wenn er oben angelangt ist. Aufgrund der Position über NN, ist er der Spot für Wetterlagen mit niedrigem Nebel. Alle anderen erhöhten Felsen oder Türme sind dann oft schon in den Wolken.

Vom Turm hat man eine ausgezeichnete Rundsicht auf den Pfälzer Wald, auf einige Burgen und bei guter Sicht bis auf die Vogesen.

Mich verbindet mit dem Luitpoldturm eine gewisse Haßliebe.
Von Grünstadt kommend beträgt meine Anfahrtszeit ca. 60 min. Dazu kommen ein kurzer Anmarsch und die Treppe nach oben. Das dauert noch mal 15 min, auf der Plattform ist es meist windig und kalt. Im Winter 20/21 bin ich vier Mal hochgefahren, in der Hoffnung, Fotos mit Eis und Schnee und blauem Himmel machen zu können.
Der Nebel beziehungsweise die tiefe Bewölkung haben mir jedes Mal einen Strich durch die Rechnung gemacht, unabhängig davon, ob ich morgens oder abends dort war. Dann endete die winterliche Periode und ich hatte keines meiner gewünschten Bilder.

Blick auf den Weg von Süden zum Turm

Viele Fotografen in der Pfalz meiden diesen Spot. Von hier oben fällt es schwer, eine ansprechende Drittelung ins Bild zu bekommen. Einen markanten Vordergrund gibt es nicht, es seit denn man begnügt sich mit dem Geländer, ohh, mächtig attraktiv.
Aus meiner Sicht lebt hier alles von Lichtstimmungen, Komplementärfarben.
Astrofotografie ist möglich. Dabei stören jedoch die Lichter von Pirmasens, die aus der lichtverschmutzten Rheinebene und wie üblich die von der Airbase in Ramstein, die Richtung Nordwesten liegt. Dort scheint ein regelrechter, bläulicher Beam in den Himmel.
Ein Teleobjektiv ist hier sinnvoll, lassen sich doch Bäume mit Wolkenfetzen einfangen, wenn sie von den ersten Sonnenstrahlen angeleuchtet werden. Daneben verdichtet ein Tele die gestaffelten Hügel recht ansehnlich. Besonders gut sieht das mit Nebel in den Tälern aus und noch besser im Herbst, wenn sich das Laub der Bäume färbt.

Nikon D810, 70mm, f/7.1, ISO 64

Haßliebe, weil es mit dem Turm und mir nicht so ordentlich funktionieren wollte.


Das vorletzte Oktoberwochenende 2021 versprach für den Samstagmorgen eine just abgezogene Kaltfront, niedrige und mittlere Wolken mit weniger als 50% Bedeckung und bodennahe Temperaturen unter dem Taupunkt. Die Laubfärbung war in vollem Gange und somit erst einmal alle Zutaten für einen erfolgreichen, fotografischen Morgen beisammen.

Eigentlich…. Kurz nach 05:00 Uhr bin ich losgefahren. Die Kaltfront hatte natürlich Verspätung, obwohl sie sicher nicht mit der DB reiste. Es regnete noch ein bißchen. Es würde schon aufreißen, außerdem ist Grünstadt nicht Merzalben, dachte ich. Jetzt bist du längst aufgestanden, dann fährst du erst recht, dachte ich weiter. Um 06:15 Uhr war ich auf dem Turm. Der Plan sah vor, bunten Wald im fast vollen Mondlicht zu fotografieren. „Und ist ein Plan auch wohlgelungen, gewiß verträgt er Änderungen.“
Die Änderung war deutlich. Ich stand bei ordentlichem Wind in den Wolken. Der Mond war schemenhaft Richtung Südwesten als gelber Fleck erkennbar. Es war kalt, feucht und doof. Auf einer Langzeitbelichtung in Richtung des Waldes kann man am Computer sogar ein paar Bäume erkennen.

06:15 Uhr, ISO 800, 37sec, f/2

Wie vertreibt man sich im Dunklen auf einem Turm die Zeit? Heißen Tee trinken, die windgeschützteste Stelle suchen, immer wieder nach oben schauen, sich einbilden, daß die Wolken dünner werden, glauben, Richtung Osten einen bläulichen Streifen in den Wolken zu sehen, im Fotorucksack rumkramen, Repeat.

Der Sonnenaufgang am 23.10.21 sollte kurz nach 08:00 Uhr sein, die blaue Stunde begann 07:17. Hartnäckig kann ich sein. Bis kurz nach 08:00 Uhr würde ich auf jeden Fall warten.
06:56 Uhr: Auf dem Display der Kamera ist der Himmel unvermutet blau, die tiefen Wolken bekommen in der LZB (Langzeitbelichtung) einen rosa Schimmer, vom Mondlicht? Wusch, alles ist wieder zu.
Mittlerweile ist die Objektivheizung angebaut und befreit die Frontlinse erfolgreich vom Beschlag.

07:20 Uhr: Es reißt auf. Richtung Osten ist mittelhohe Bewölkung sichtbar, die von unten beeindruckend orange-rötlich angeleuchtet wird. Darüber wird es zartblau zu dunkelblau. Ich bin auf Höhe der Wolken. Man könnte meinen, in einem Flugzeug zu sitzen, was durch die Wolkenschicht sinkt.

07:22 Uhr

07:26 Uhr: Die Lichtstimmung ist schlicht nur genial, wechselt ständig. Immer wieder ziehen noch höhere Wolkenfetzen durch.

07:28 Uhr: Der Turm ist raus aus den Wolken. Bäume werden sichtbar.

07:31 Uhr: Die umliegenden Hügel werden sichtbar.

07:40 Uhr: Die Sicht wird immer besser. Die schönsten Farbstimmungen am Himmel sind indessen vorbei.

Eine Viertelstunde vor Sonnenaufgang färben sich die Wolken wieder blutrot. Die Hügelspitzen schauen aus dem Nebel. Die Gegendämmerung ist eindrucksvoll blaßrosa.

08:10 Uhr: Die Sonne steigt über die Wolkenbank am östlichen Horizont.
Kurze Zeit später steht sie hoch genug, um flach in die Täler zu scheinen und die bunten Blätter der Bäume zum Leuchten zu bringen.

08:30 Uhr: Die Lichtstimmung ist fantastisch. Ich weiß nicht, in welche Richtung ich zuerst fotografieren soll.

08:39 Uhr: Der Nebel steigt wieder. Richtung Westen projiziert die Sonne den Schatten des Turmes auf den Nebel. Die Feuchtigkeit läßt an den Beugungskanten einen Regenbogen entstehen. Okay, das war die langweilige, physikalische Erklärung. Neudeutsch: Ich bin geflasht. So etwas habe ich noch nie gesehen, erlebt und heute durfte ich es sogar fotografieren.

Der Luitpoldturm hat mich heute entschädigt. Okay, mein Lieber, die Winterrechnung ist noch offen!
Mit einem gewissen Maß Freude steige ich vom Turm in den nebligen Wald. „Alles richtig gemacht.“ Und alle Fotografen, die heute früh tiefer waren, haben dauerhaft in der Suppe gesessen.
Womit habe ich fotografiert?
Das große Besteck…. Nikon D850 mit Sigma 20mm Art, Tamron 70-200 G2, großer Rucksack, inklusive Nodalpunktadapter usw. Dazu hatte ich den kleinen Weekender mit der Leica M10, Summicron 35 asph. und dem Voigtländer 21mm f/1.4 Nokton. Die meisten Bilder sind von der M10. Das einzige, was die nicht kann, ist 200mm Tele. Das sollte bei nächster Gelegenheit etwas sein, worüber ich gründlich nachdenken muß. Brauche ich das große, schwere Besteck, oder geht es leichter und einfacher?

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